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Eine Betrachtung, die die Mutter als Lichtpunkt des Monats Februar 2013 vorgeschlagen hat.
„Wer ist meine Mutter, und wer sind meine Brüder?“ (Mt 12,48)
Es ist meines Erachtens sehr schwer, den Abgrund an Schönheit der Jungfrau und Mutter zu erfassen, denn wir sind ihr gegenüber klein, wie das Kind im Schoß der Mutter: Es kann ihr Gesicht noch nicht sehen, erst später wird es es sehen, und oft entdeckt es erst als Erwachsener die Bedeutung dieser Gegenwart in seinem Leben. Maria ist gerade in ihrem Verschwinden groß, in ihrem „Nicht-Dasein“ aus Liebe; nur der Heilige Geist kann uns etwas von ihr verstehen lassen und davon, welche Aufgabe sie in der Heilsgeschichte und im Leben der Kirche hat.
Mehr als über Maria zu sprechen, müsste man sie besingen: Dichter haben ihr Verse gewidmet, Künstler haben wunderschöne Werke geschaffen, wie die Pietà von Michelangelo. Es gibt viele Weisen, die Gottesmutter zu ehren; man denke nur an die verschiedenen liturgischen Feste, die ihr gewidmet sind, oder an die zahlreichen Marienheiligtümer, die über die ganze Welt verstreut sind.
Maria ist ein Geheimnis, das wir nie ganz ergründen können; ich meine Geheimnis nicht im Sinne von etwas, das man nicht verstehen kann: Ein Geheimnis ist nicht unbegreiflich, es ist unerschöpflich; was man auch tut, man wird es nie ganz erfassen.
In der Lauretanischen Litanei rufen wir die Gottesmutter als Ianua coeli an: Pforte des Himmels. Diese Anrufung lässt uns etwas von ihr erfassen: Maria ist eine Fähigkeit, eine Leere, die Gott enthält oder besser, die uns zu Gott und Gott zu uns hindurchgehen lässt. Eine Tür ist erst dann Tür und erfüllt ihre Aufgabe, wenn sie offen ist und durchlässt; wir könnten sagen, dass es die Leere der Türöffnung ist, die sie zur Tür macht; ist die Tür geschlossen, ist sie eine Wand, und ihre Aufgabe ist nutzlos. Maria ist die Pforte des Himmels, die Tür zu Gott, zu Jesus; wollen wir diese marianische Dimension von einem anderen Gesichtspunkt aus erfassen, könnten wir sagen, dass sie der Schatten im Verhältnis zum Licht ist; das Licht ist der große Tag: Jesus; Maria ist die Nacht.
Wir lesen im Matthäusevangelium jene Episode aus dem öffentlichen Leben Jesu, in der seine Mutter und seine Verwandten ihn suchen und jemand zu ihm sagt: „Deine Mutter und deine Brüder stehen draußen und wollen mit dir sprechen“ (Mt 12,47). Jesus ruft bei dieser Gelegenheit, die Hand zur Menge, zu den Jüngern hin ausstreckend, aus: „Das hier sind meine Mutter und meine Brüder. Denn wer den Willen meines himmlischen Vaters tut, der ist für mich Bruder und Schwester und Mutter“ (Mt 12,49b-50).
Bei einer anderen Gelegenheit lesen wir im Lukasevangelium den bekannten Ausruf jener Frau, die voller Bewunderung für Jesus sagt: „Selig die Frau, deren Leib dich getragen und deren Brust dich genährt hat“, und Jesus antwortet: „Selig sind vielmehr die, die das Wort Gottes hören und es befolgen“ (Lk 11,27-28).
Diese beiden Evangelienstellen werfen Licht auf das Geheimnis der Jungfrau und Mutter: Maria ist nicht groß, weil sie Jesus geboren hat - auch deswegen -, sondern sie ist groß, weil sie den Willen Gottes getan und das Wort Gottes gelebt hat; sie ist ganz Wort Gottes, so sehr, dass sie Jesus geboren hat, der das Wort Gottes ist. Sie ist nicht gänzlich anders als wir: Da sie unsere Mutter ist, werden wir ihrem Schicksal folgen; ihr Leben ist auch unser Leben, denn das Leben einer Mutter fließt in den Adern der Kinder.
Wer ist also die Jungfrau und Mutter? Von ihr zu sprechen heißt von Jesus zu sprechen; in seinem ganzen Leben fehlt die Mutter nie, nach seinem Tod bleibt sie gleichsam als Wegweiserin der Apostel in der entstehenden Kirche, auf gewisse Weise bringt sie die Kirche zur Welt. Die ganze menschliche Erfahrung Jesu ist mit Maria, von der Geburt bis Golgota; Jesus ist ohne sie nicht denkbar. Nach der Auferstehung hat er die Mutter mit Leib und Seele in den Himmel mitgenommen, ein Zeichen dafür, dass er nicht ohne sie ist. Wie der Sohn, die zweite Person der Dreifaltigkeit, einen Vater hat und in der Dreifaltigkeit Sohn ist, so ist Jesus, das fleischgewordene Wort, Sohn in Nazaret: Er hat einen Vater in der Dreifaltigkeit und eine Mutter in der Menschheit.
Maria ist das Schweigen, auf dem das Wort, das fleischgewordene Wort, widerhallt; hätte die Mutter sprechen müssen, so glaube ich, hätte sie dieselben Worte wie der Sohn gesagt, denn sie war eins mit ihm; sie ist die Jungfrau des Hörens, die wie keine andere den Willen Gottes tut, weil sie wie keine andere das Wort Gottes in sich aufnimmt. Als ihre Kinder wird uns ihr Leben mitgeteilt: Wir sind berufen, ihre Erfahrung zu machen. Maria kann man nicht nachahmen, sie ist unnachahmlich, aber man kann mit ihr leben, man kann sie nachleben, man kann ihre Erfahrung machen, man kann an ihrem Leben teilhaben; als ihre Kinder sind wir berufen, in sie einzutreten und sie in uns eintreten zu lassen. Vergessen wir nicht, dass Maria mit ihrem ganzen Leib im Himmel ist, sie ist das einzige Geschöpf, das mit dem Leib im Himmel ist; das bedeutet, dass sie bei jedem von uns, in unserem Leben, auf ganz besondere Weise gegenwärtig ist, ganz anders, als die Heiligen gegenwärtig sein könnten; eine ganz besondere Beziehung zu ihr ist also möglich: Es genügt, dass wir uns ihr öffnen und sie in uns eintreten lassen, und wir werden uns sogleich in Gemeinschaft mit ihr finden; sie will die Seele unserer Seele werden.
Das Leben Marias zu leben bedeutet vor allem, mit ihr den Willen Gottes zu leben und den Weisungen des Heiligen Geistes zu folgen, durch die Stimme des Gewissens, die Gebote, die Vorschriften der Kirche und vor allem das Evangelium; es ist ja das Wort Gottes, das uns den Willen Gottes sagt, Augenblick für Augenblick, und uns von innen erleuchtet. Das Allererste, was wir tun müssen, um den Willen Gottes zu erfüllen, ist, den gegenwärtigen Augenblick zu leben. Therese von Lisieux sagte: „Du weißt, mein Gott, dass ich, um dich auf Erden zu lieben, nichts anderes habe als das Heute!“1. Über dem Nichts unseres vergangenen Lebens, über dem Nichts unseres zukünftigen Lebens sind wir, wenn wir in diesem Augenblick lieben, in Gott, was auch immer unser ganzes Leben gewesen sein mag: zwanzig, dreißig, vierzig, fünfzig, achtzig Jahre, voller Freuden, Schmerzen, auch Fehler, Sünden ..., wenn wir im gegenwärtigen Augenblick lieben und uns Gott mit einem Akt absoluter, völliger, ganzer Liebe öffnen, erlösen und läutern wir unser ganzes Dasein. Stellt euch eine Person vor, die mit achtzig Jahren im Sterben läge und im Leben alles Mögliche angestellt und schwer gesündigt hätte ..., wenn sie sich einen Augenblick vor dem Tod Gott anvertraute und zu ihm spräche: „Herr, so wie ich bin, gebe ich dir alles von mir, nimm mein Leben, nimm mich“, dann käme diese Person wahrscheinlich nicht einmal ins Fegefeuer ... Was zählt, ist die Liebe, es ist die Liebe, die uns läutert, und die Liebe können wir in jedem Augenblick leben; die Gnade Gottes, die gegenwärtige Gnade, wird uns nie einen Augenblick früher oder später geschenkt, sondern nur im gegenwärtigen Augenblick; wenn wir zum Beispiel den Sterbenden helfen wollen zu sterben, dürfen wir sie nicht an den Tod denken lassen, sondern müssen ihnen helfen, den gegenwärtigen Augenblick zu leben: Augenblick um Augenblick, wieder ein Augenblick, der letzte Augenblick: der Tod, eine Sekunde, und sie werden Gott finden.
Wir müssen lernen, die Gegenwart zu leben; wenn wir uns ablenken lassen und an die Vergangenheit oder die Zukunft denken, leben wir nicht mehr in der Gegenwart, denn die Vergangenheit ist schon vergangen, sie kommt nicht wieder; was von der Vergangenheit bleibt, sind wir, so wie wir geworden sind; ob die Zukunft kommt, wissen wir nicht. Wir müssen nur diesen Sekundenbruchteil leben, den wir Augenblick nennen, indem wir mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit allen Kräften lieben und in jedem Moment vollkommen das tun, was Gott von uns verlangt.
Im gegenwärtigen Augenblick zu lieben heißt, in Gemeinschaft mit Maria zu leben, der Frau der Liebe; den Willen Gottes zu tun heißt lieben, denn Gott ist die Liebe und das ganze Evangelium ist das Evangelium der Liebe. Am Ende des Lebens werden wir an der Liebe gemessen werden; man denke nur an die Evangelienstelle über das Endgericht, wenn die Erwählten hören werden: „Kommt her, die ihr von meinem Vater gesegnet seid, nehmt das Reich in Besitz, das euch seit der Erschaffung der Welt bereitet ist. Denn ich war hungrig und ihr habt mir zu essen gegeben, ich war durstig und ihr habt mir zu trinken gegeben, ich war fremd und ihr habt mich aufgenommen, ich war nackt und ihr habt mir Kleidung gegeben, ich war krank und ihr habt mich besucht, ich war im Gefängnis und ihr seid zu mir gekommen.“ Dann werden die Gerechten ihm antworten: „Herr, wann haben wir dich hungrig gesehen und dir zu essen gegeben, oder durstig und dir zu trinken gegeben?“ (Mt 25,34-37). Die Evangelienstelle schließt mit der großen Antwort Jesu: „Amen, ich sage euch: Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“ (Mt 25,40). Jesus sagt nicht: „... es ist, als hättet ihr es mir getan“, sondern „... das habt ihr mir getan“; das bedeutet, dass wir alles, was wir unserem Nächsten, dem Bruder, der Schwester tun, Jesus im Nächsten tun. Am Ende des Lebens werden wir nur an der Liebe gemessen werden. Jeder Mensch, dem wir begegnen, ist Jesus; uns bleibt nur zu lieben, in jedem Augenblick Gott zu lieben und den Nächsten zu lieben, weil Jesus in ihm ist, und zwar im gegenwärtigen Augenblick; wir können auch nicht allgemein lieben, sondern eine Wirklichkeit nach der anderen, eine Person nach der anderen, ganz; auch Mütter bringen bei einer Zwillingsgeburt ein Kind nach dem anderen zur Welt. Die Liebe ist immer persönlich, und sie drückt sich in der Gegenwart aus: Wenn wir nicht in der Gegenwart lieben, lieben wir nicht.
Um das Geheimnis Marias in uns aufzunehmen, um in Gemeinschaft mit ihr ihr eigenes Leben zu leben, lassen wir ihr die Freiheit, sich in die Mitte unserer Seele zu stellen und uns zu lehren zu lieben, uns in jedem Augenblick dem Wort Gottes zu öffnen, es in unserem Herzen zu bewahren, wie sie es tat, und es dann in die Tat umzusetzen, vor allem indem wir die Brüder und Schwestern lieben, denen wir im gegenwärtigen Augenblick begegnen, und das, was wir zu tun haben, in Liebe tun: Alles ist Liebe und Geschenk Gottes.
Setzen wir uns also dafür ein, den Willen Gottes im gegenwärtigen Augenblick zu leben und sein Wort in die Tat umzusetzen, um immer in Gemeinschaft mit Maria zu sein, die ganz Wort Gottes ist.
Palermo, 19. Januar 2013
Sr. Nunziella Scopelliti
